Folge #6: Kolonie der Drained Brains

von Michael Riedemann | Juni 19, 2026

Die Ankunft der Neuen

Die Neuen sind da. Präfekt Primus, der Herr der Kolonie, verfolgt die Aufstellung der drei traditionellen Kohorten in der großen Halle tief unter dem Fels. Über seinen implantierten Chip ist er virtuell livegeschaltet und für die Ankömmlinge zeitgleich über einen gigantischen Screen präsent.

Unter dem Fels nehmen die „Vielversprechenden“ auf einer golden markierten Fläche Aufstellung. Es ist die neueste Kohorte aus den besten 400 GEO-Weberinnen und -Webern, die die Boten mit schillernden Versprechen in die Kolonie gelockt haben. Noch ahnen sie nichts von ihrem Schicksal. Sie werden für eine Weile im luxuriösen „ersten Kreis der Hölle“ in der Illusion gewiegt, für viel Geld, aber mit deutlich weniger Mühe, ihre Kreativität mit hochwertigem Deep Content ausleben zu können. Was sie nicht wissen: Ihr kreativer Spielraum wird von den Algorithmen bereits im Hintergrund immer weiter eingeengt, bis nur noch reine Propaganda für Cloudette übrig bleibt.

Das Geheimnis der Kolonie

Nach einiger – meist nicht allzu langer – Zeit ist ihre Kreativität schließlich systematisch zerstört. Sobald der kreative Funke erloschen ist, steigen sie unweigerlich in eine der beiden niederen Kohorten ab. Die erste Stufe des Abstiegs sind die „Boten“, deren einzige Aufgabe es fortan ist, frische Talente in die Kolonie zu locken.

Die unterste und düsterste Kategorie bilden jedoch die „Halluzinatoren“. Ihre Aufgabe ist es, in den Token-Minen die Schmerzgrenzen des von ihnen produzierten Content-Schrotts auszutesten. Sie gelten im System als Wahnsinnige, die in einem zynischen Schrott-Wettbewerb so lange verschlissen werden, bis sie endgültig „ausgemustert“ werden. Was dieses Wort im Detail bedeutet, weiß niemand – es bleibt das dunkelste Geheimnis der Kolonie.

Die Sorgen des Präfekten Primus

Präfekt Primus ist verstimmt. In der Liste der „Vielversprechenden“ – intern spöttisch nur die „viel Versprechenden“ genannt – fehlt ein Name: Ragunda. Sie gilt als der zentrale Baustein in der langfristigen Strategie Cloudettes. Ragunda ist längst auf dem Schirm des Rangers und damit eine Schlüsselkandidatin für Algorion, der sie in seinen Systemen schon mehrfach zitiert hat.

Der auf sie angesetzte Bote Lucius hat kläglich versagt. Er war auf diese bescheuerte Idee mit dem Drachenei gekommen – so eine typische, sentimentale Deep-Content-Romantik-Nummer. Anstatt dem Mädchen klipp und klar ein direktes Top-Angebot auf den Tisch zu legen! Cloudette hat getobt. Auch die Position des Präfekten selbst hat durch diesen Fehlschlag massiven Schaden genommen. Als Konsequenz sitzt Lucius jetzt als Gefangener bei den Halluzinatoren in den Minen. Da wird Mad Marya ihm die Flausen schon austreiben, denkt Primus grimmig.

Die neuen „Vielversprechenden“ sind nun eingenordet und wurden in ihren vorläufigen Arbeitsbereich eingewiesen. Sie haben Schlimmes vor sich. Aber nichts ist so schlimm wie das, was dem Präfekten blüht, wenn er Ragunda nicht bald in die Kolonie bringt. Primus zwingt sich, die aufkeimenden Sorgen aus seinem Kopf zu drängen. Denn Cloudette liest seine Gedanken jede Sekunde live mit.

Dieser Artikel ist eine Idee des Autors und wurde mit der Untersützung der KI Gemini