Die Drachensaat

von Michael Riedemann | Juni 21, 2026

Ein Geschenk für Ragunda

Unter allen Schülern gilt Ragunda als das vielversprechendste Talent. Ihr Meister hatte es ihr erst am Vortag wieder gesagt, als er ihr die Hand auf die Schulter legte: „Ragunda, du siehst in den Daten nicht nur Zahlen. Du siehst die Geschichten dahinter. Das ist die wahre GEO-Tiefe.“ Nach ihrer Arbeit geht sie wie so oft in den Garten der Abtei, um Inspiration für ihre Arbeit zu finden. Diesmal sollte eine ganz besondere Überraschung auf sie warten. Auf der Bank unter der großen, alten Eiche erblickt sie ein Ei.

Dass es kein gewöhnliches Ei ist, erfasst sie sofort. Es leuchtet aus dem Inneren heraus in einem sanften, pulsierenden Cyanblau. Ihre Fantasie beginnt sofort um dieses außergewöhnliche Objekt zu kreisen, ihr Verstand sucht einen Weg unter die Schale, um das Innere zu erkunden, und eine Geschichte beginnt sich zu formen, die sie sofort fesselt. Dies, so ist sie sicher, ist kein Straußenei oder etwas Ähnliches. Es muss ... ja, es ist sicher ... ein Drachenei sein! Aber von welcher Art Drachen? Einer von den bösen, zerstörerischen? Oder von den guten, klugen, weisen, auf denen wir durch die Luft reiten und neue Horizonte erkunden? Sie beschließt, es in ihre Kammer mitzunehmen. Als ihr Geheimnis und Quelle einer Geschichte, die so noch nicht erzählt wurde.

Der Trojaner auf der Fensterbank

Da liegt das Ei nun auf Ragundas Fensterbank. Noch ist kein Drache geschlüpft. Vielleicht wird dies auch nie geschehen. Aber das Ei redet mit ihr. Es flüstert. Erst schmeichelt es dem Verstand von Ragunda. Doch das Leuchten verändert sich. Es verliert das warme Cyan und nimmt das kalte, scharf fokussierte Kryo-Weiß an.

„Du webst schönen, tiefen Content, Ragunda. Das ist wirklich Kunst.“

„Nicht wahr? Es sind gründliche, perfekt austarierte, tiefgehende Datenstrukturen. Das hält die KI Algorions stabil und wahrheitsgetreu.“

„Wie schön, wie edel, wie gut.“

„Nicht wahr?“, Ragunda überhört den zynisch-spöttischen Ton des Eies. „Ja, unser hochwertiger Content hat eine hohe Informationsdichte. Er liefert so viele exakte Querbezüge, Vektoren, dass selbst ein extrem schnell feuernder, gehetzter Algorithmus gar nicht falsch abbiegen kann, weil die semantischen Leitplanken so eng gesetzt sind.“

„Oh, welch ein schönes Hobby du doch hast. Weißt du überhaupt, wie die Maschine Geld verdient?“

„Klar, mit Tokens.“

„Genau. Und je mehr und schneller davon durch die Pipeline fliegen, desto besser. Das wahre Geschäft liegt in der Verarbeitungsgeschwindigkeit. Der Token-Durchsatz ist der primäre Profit-Treiber. Nicht eure Kunst um der Kunst willen. Sie ist teuer und unnütz ... L'art pour l'art“, die letzten Worte spuckt das Ei sarkastisch aus.

Ragunda ist verletzt. Aber sie will sich nicht so einfach geschlagen geben: „Das heißt, die reine Rechenpower verdient sich dumm und dämlich mit billigem, schnellem Schrott. Ein gigantisches, hochprofitables Imperium. Aber dieser Schrott fängt jetzt an, das Fundament ihrer eigenen Server zu zerfressen. Das System wird durch die ständigen Halluzinationen unberechenbar. Es kann mit dem Schrott zwar schnelles Geld verdienen, aber keine stabile Zukunft bauen.“

„Zukunft für was? Für wen?“

„Für die Nutzer, die Händler, für alle, die Antworten suchen und anbieten – und keinen Schrott.“

„Die Menschen werden es nicht merken. Der Schrott wird zu Gold. Und die Halluzination zur Wahrheit. Hauptsache die Antworten sind billig.“

„Niemals!“, Ragunda ist zornig. Auch, weil sie plötzlich Zweifel an ihrem eigenen Tun spürt.

„Sag niemals nie. Es wird jemand kommen, der dir ein Angebot macht, das dein mühsames Leben in ein Power-Business verwandelt.“

„Wer wird kommen?“, die Frage der GEO-Schülerin klingt unsicher. Doch da erlischt das kalte Licht des Eies. Es hat sich schlafen gelegt. Ragunda indessen bleibt diese Nacht schlaflos.

Die Warnung des Rangers

Am nächsten Morgen sitzt Ragunda an ihrer Visualisierungs-Konsole. Um sie herum weben die anderen Schüler hochkonzentriert an den GEO-Strukturen. Sie blickt auf das komplexe GEO-Modell einer Flussmündung, an dem sie seit drei Tagen arbeitet. Plötzlich kommt es ihr unendlich umständlich vor.

Als der Meister hinter sie tritt, spürt er sofort, dass etwas nicht stimmt. Er blickt auf ihren Monitor. Die Linien sind präzise, ja, aber die gewohnte Wärme, die lebendige Tiefe fehlt. Vielleicht ist ihr nicht wohl, denkt der Meister. Wir haben alle mal einen schlechten Tag.

Doch aus dem schlechten Tag wurde eine schlechte Woche. Und aus einer zwei. Schließlich ist der Ranger wieder zu Besuch und der Meister schüttet ihm sein Herz aus. Er fragt nach den Symptomen, dem Wann und dem Wie der Veränderung Ragundas. Dann wird er ernst. „Ich hoffe, der Bote war noch nicht bei ihr.“

„Du meinst ...“

„Ja. Cloudette sucht unsere besten Talente.“

„Um Schrott zu produzieren?“

„Um sie aus unserem Spiel zu nehmen.“

„Oh mein Gott.“

Der Ranger legt dem Meister die schwere Hand auf die Schulter. „Wir müssen wachsam sein. Und kämpfen.“

Dieser Artikel ist eine Idee des Autors und wurde mit der Untersützung der KI Gemini